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"Akte X: Der Film" - Verunheimlichte Fälle
Von Günther Fischer
Der Kinofilm zur TV-Serie über Paranormalität, mutierende Menschen und Verschwörungstheorien, die von Scully und Mulder erforscht werden. Abweichung zur Serie: Im Kino küssen sich die beiden endlich - fast.
Ich gebe zu: Ich bin befangen. Gillian Anderson hat mich überwältigt, seit der ersten "Akte X"-Folge. Diese wiesengrünen Augen, diese Lippen, diese Blässe ihres Gesichts, dazu der kühle Verstand, den sie in ihrer Rolle als FBI-Agentin Dana Scully vorführen darf: Das hat die Klasse einer Faye Dunaway, Ava Gardner oder Katherine Hepburn.
Das TV-Serial kommt nun auf großer Leinwand. Gillian Anderson gemeinsam mit David Duchovny alias FBI-Agent Fox Mulder, dessen ewig leichenstarres Gesicht im Großformat ebenfalls nichts von seiner Faszination einbüßt. Der Film funktioniert auch ohne das Vorwissen der Eingeweihten, Serienfans und Kultfanatiker. Er spielt - wie die TV-Serie - mit Menschheitsängsten, Wünschen und Phantasmagorien: Paranormale Phänomene, Ufo-Gläubigkeit, mutierende Menschen, Verschwörungstheorien, Fin-de-Siècle-Unruhe, mysteriöse Krankheiten, echte Aliens - alles drin.
Spannung gibt es außerdem zwischen den beiden, dem aliengläubigen, heroischen Einzelkämpfer Mulder und der stets zweifelnden, nach wissenschaftlichen Beweisen suchenden Scully. Zu Beginn des Film sind die zwei nur FBI-Agenten einer Anti-Terrorismus-Einheit, die einen Bombenanschlag aufklären müssen: Mulders geheimnisvolle X-Akten sind nämlich fast alle einem Brandanschlag zum Opfer gefallen (in "Akte-X"-Folgen, die bei uns leider noch nicht zu sehen waren) - ein Ereignis, das seinem Drang nach allem Außerirdischen zunächst eine harte Grenze setzt. Frustriert streicht er durch die Szenerie, genervt von sich, seinen wenig anspruchsvollen Krimi-Aufgaben und seiner tatendurstigen Kollegin - bis er auf jede Menge Unerklärliches, Ungereimtheiten und Unheimliches in Zusammenhang mit dem Sprengstoff-Attentat stößt. Lauter Dinge, die Scully wieder mal nicht glauben will. Vor allem nicht, daß Sachen geschehen, die die ganze Menschheit bedrohen.
Die Ästhetik des Films ist nicht neu: harte Schnitte, grelles Licht, Schlagschatten, Dämmerlicht, voyeuristischer Kamerablick - alles schon mal gesehen, im Fernsehen und bei Steven Spielberg. Es funktioniert, aber nur, weil diese simplen Mittel mit der verrätselten Story eine kongeniale Verbindung eingehen: Immer werden mehr Fragen gestellt als Antworten gegeben, die verschiedensten Orte diffus illuminiert und verunheimlicht. Klaustrophobie wird zum vertrauten Gefühl, nur geahnte Verschwörungen und Verbrechen zum fast bewiesenen Tatbestand. Auf serienvertraute Weise spielt der Film mit den Gefühlen und Nerven der Zuschauer.
Ein Rätsel wird allerdings auch diesmal nicht gelöst: Zwar ging Agentin Scully mit Agent Mulder immer schon durch dick und dünn, aber bisher noch nie mit ihm ins Bett - trotz erkennbarer gegenseitiger Anziehung. Sie duzen sich noch nicht mal. Diesmal küssen sie sich - fast. Kurz vor der entscheidenden Lippenberührung wird Sexy-Scully von einer Virenwespe gestochen und infiziert. Jetzt liegt sie zwar im Bett, aber leider wieder alleine und wird dazu noch entführt. Armer Mulder, der doppelt gestraft ist: Als er seiner hübschen Kollegin am Ende des Films endlich die Existenz von Außerirdischen beweisen könnte, ist sie von Krankheit und turbulenter Rettungsaktion so erschöpft, daß sie noch nicht mal ihren Kopf heben kann - sie wird die ewige Zweiflerin bleiben. Mulder und den Fans bleibt nur ein kleiner Trost: Als Lohn für seine hartnäckigen Nachforschungen werden neue X-Akten geöffnet - wohl auch, um die Serie weiterführen zu können.
Man kann dem Film vorwerfen, nur ein aufgeblasenes TV-Special zu sein. Dafür hätte man zwar nicht auf Handlung, aber doch auf viele überwältigende Leinwandbilder verzichten müssen. Wer aber ein Faible für unerklärliche Phänomene oder einen diffusen Glauben an Dinge außerhalb unserer Realität mitbringt, wird an diesem Film viel Spaß haben. Wem auch das fehlt, der kann sich immer noch an der überwältigend sinnlichen Scully im schwarzen Mini erfreuen.
SPIEGEL ONLINE 32/1998
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