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"Alle Seelen" ist eine Folge mit ungewöhnlicher Intention und deshalb beim ersten Sehen etwas schwer durchschaubar. Bei näherer Betrachtung ist es jedoch eine in sich sehr stimmige und konsequente Episode mit bemerkenswertem Inhalt.
Es ist keine MOTW-Folge, zumindest keine klassische, sondern es ist vielmehr eine Psychostudie über Dana Scully, und zwar eine sehr gelungene. Dagegen darf die Geschichte um die vier toten Mädchen nicht weiter hinterfragt werden, und das muß sie auch nicht.
Tatsächlich steht "Alle Seelen" in der Tradition von Folgen wie "Die Botschaft" (1X13) und "Offenbarungen" (3X11), hat sich im Vergleich zu diesen jedoch logisch weiterentwickelt. Die Episode zeigt deutlich, daß die Serie nicht statisch ist, sondern die Erlebnisse an den Charakteren keineswegs spurlos vorbeigehen: Am Ende von "Offenbarungen" läßt sich Scully gerade wieder zaghaft darauf ein, an die Existenz Gottes zu glauben, was vielleicht für sie seinerzeit ein großer Schritt war, aber doch zumindest ein sozialtypisches Verhalten ist. Dagegen wird die Legende von Seraph, der die Seelen seiner vier Töchter zurückholt, nicht einmal von der Kirche anerkannt. Daß Scully bereit ist, dem Glauben zu schenken, erscheint angesichts ihrer allgegenwärtigen Vernunft geradezu radikal. Doch wie ihr Beichtvater bemerkt, ist nicht entscheidend, was wirklich passiert ist, sondern daß sie es für wahr halten wollte. Damit geht es in Wirklichkeit nicht um eine religiöse Überzeugung Scullys, sondern darum, sich auf ihre Gefühle in all ihrer Irrationalität einzulassen. Und dies wiederum war nach ihrer Krebserkrankung, Emilys Tod und diversen anderen Grenzerfahrungen eigentlich überfällig.
Damit ist Religion nicht das Thema der Folge, sondern mehr eine Art Stilmittel, Scullys
Entwicklung zu untermalen. In "Offenbarungen" hatte Scully nur eine vage Ahnung von ihrer
Berufung, Kevin zu beschützen, in "Alle Seelen" hat sie schon Visionen. Mehr denn je hat Scullys Charakter etwas Märtyrerhaftes, Unschuldiges und Ätherisches. Und schon immer hat man das durch ein besonders konträres Verhalten Mulders zusätzlich betont. In der Regel unterbricht Mulder Scullys philosophische Betrachtungen durch humorvoll-anzügliche Bemerkungen, in "Alle Seelen" hat man auch diesen Zug überzeichnet und läßt Mulder einen Pornofilm Priorität vor Scullys Story einräumen.
Am stärksten wird die Episode jedoch von der Tatsache geprägt, daß Scullys Gedanken und Gefühle völlig unreflektiert bleiben. Mulders Theorien steht stets Scullys Skepsis, aber
auch ihre grundsätzliche Bereitschaft, sich überzeugen zu lassen, gegenüber. Oft hat man den Eindruck, sie wünscht sich, ihm glauben zu können. Jedenfalls erfolgt zumindest eine Auseinandersetzung mit Mulders Überzeugungen. Hier weist umgekehrt Mulder Scullys Glauben
strikt von sich, ohne sich auch nur ansatzweise damit befassen zu wollen. Das wirkt sich entscheidend auf die Atmosphäre von "Alle Seelen" aus:
Nachdem Scully und Mulder Father Gregory vernommen haben, sagt Scully, sie glaube, der Priester habe allein zu ihr gesprochen. Und es ist gelungen, diesen Eindruck auf die ganze Folge und auch auf den Zuschauer zu übertragen. Man behält "Alle Seelen" als eine "reine Scully-Folge" in Erinnerung, obwohl anders als in "Emily I" und auch mehr als in "Ein Spiel" Mulder durchaus mit von der Partie ist. Man kann sogar noch einen Schritt weitergehen, und Scullys Situation in "Alle Seelen" als sinnbildlich für die gesamte Serie sehen: Während Mulder in Scully und auch anderen Figuren, wie z.B. den Lone Gunmen, einen Ansprechpartner findet, bleibt Scully mit ihren Zweifeln letztendlich allein, was sie aber für viele Fans der Serie zu einer stärkeren Identifikationsfigur und einem größeren Sympathieträger macht als Mulder.
Sehr gut gelungen ist übrigens auch die musikalische Begleitung dieser etwas traurigen Stimmung der Episode. An sich fällt Snows Musik eher in Form fragmentarischer Sequenzen und Rhythmen auf, doch in "Alle Seelen" ist ihm ein ungewohnt symphonisches Thema gelungen. Insgesamt wird somit eine dichte, beklemmende Atmosphäre geschaffen und der komplexe Charakter Scullys weiter vertieft. Dahinter steckt neben Skript und musikalischer Bearbeitung vor allem wieder einmal die schauspielerische Leistung Gillian Andersons, die einem auch in guten Serien nicht oft begegnet, und an die meiner Meinung nach auch keiner der anderen Darsteller heranreicht.
Bedenken begegnen der Folge eigentlich nur dort, wo fragwürdige dramaturgische Erwägungen bezüglich der Serie als Ganzem getroffen worden sind:
So wurde von verschiedenen Seiten bemängelt, daß von Scullys Tochter seit "Emily II" nie wieder die Rede war und deshalb Scullys Gefühlsausbruch etwas unmotiviert sie. Ein kleiner Hinweis hier und dort wäre in der Tat nicht verkehrt gewesen, aber wahrscheinlich hängt man zu sehr an den fixen Kategorien von MOTW- und Mythologie-Folgen und will nicht vom Thema einer Episode abkommen. Daß man auf übergreifende Handlungen nicht sehr viel Wert legt, wurde ja auch deutlich durch die Ausstrahlung von "The Postmodern Prometheus" zwischen "Emily I" und "Emily II". Aber es tauchen, wie gesagt, Scullys Empfindungen angesichts der toten Mädchen auch nicht aus dem Nichts auf, sondern sind Endpunkt einer weit zurückreichenden Entwicklung.
Wesentlich unstimmiger finde ich das abweisende Verhalten Mulders gegenüber Scully. Zwar ist Mulders kompromißlose Areligiösität nicht neu und fügt sich, wie oben dargelegt, sehr gut in diese Folge. Es wäre inkonsequent, wenn Mulder die Möglichkeit eines Seraphen in Betracht ziehen würde. Jedoch geht es ja nur vordergründig um religiöse Überzeugungen und eigentlich um Scullys Seelenleben. Und da überrascht es doch, daß Mulder Scully auf emotionaler Ebene nicht mehr entgegenkommt, zumal am Ende der fünften Staffel, wo längst jede Meinungsverschiedenheit zu einer Vertrauensfrage geworden ist. Nur zwei Folgen später, in "Folie à deux" sagt Mulder zu Scully, sie müsse ihm einfach glauben, weil sie seine "one in five billions" sei. Und wieder zwei Folgen weiter, in "The Beginning", meint Scully, daß eigentlich immer alles eine Frage des Vertrauens gewesen sei. Davon ist in "Alle Seelen" jedoch nichts zu spüren. Und das ist unrealistisch, v.a. als Scully Mulder erzählt, sie habe Emily gesehen. Wenn Mulder Scully in diesem Moment als Freund begegnet wäre, hätte diese Episode trotzdem immer noch ihre Intention erreicht, nämlich zu zeigen, daß Scully letztlich eine ebenso einsame Seele ist wie die vier toten Mädchen. Aber vermutlich glaubte man mal wieder, der wachsenden Vertraulichkeit zwischen Mulder und Scully einen Riegel vorschieben zu müssen.
Dennoch beeinträchtigen diese Mängel meinen Gesamteindruck von der Folge nur geringfügig. Zugegebenermaßen ist "Alle Seelen" eher für Fans gedacht, die sich mehr den Hauptfiguren als einer spannenden Story verschrieben haben. Ich gehöre zu ersterer Gruppe und halte "Alle Seelen" für eine außergewöhnliche Episode, bei der man aus einer nebensächlichen Handlung ein beeindruckendes Portrait Scullys herausfiltern kann. In den Zeiten nach Akte X wird diese Folge neben "Memento Mori" und "Mutterkorn" eine der einprägsamsten Erinnerungen an Dana Scully sein.
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