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Akte X im TV:
11.04.: K1, Der Teufel von Jersey
25.04.: K1, Schatten
Reviews

Mutterkorn

Kritik von Ulrike Straub

Obwohl "Mutterkorn" offiziell vor "Leonard Betts" (4x14) rangiert, wurde die Reihenfolge der Ausstrahlung klugerweise umgedreht, und zusammen mit "Memento Mori" (4x15) entstand eine Trilogie, die zu den absoluten Höhepunkten der Serie gehört. Dabei ist "Leonard Betts" eine MOTW-Folge, die den Auftakt zur Mythologie-Episode "Memento Mori" bildet, während sich "Mutterkorn" der Einteilung in eine der beiden Kategorien entzieht. Zwar geht es vordergründig um die durchaus reizvolle Geschichte Ed Jerses, der von seiner Vergangenheit in Form eines Tattoos verfolgt wird, doch eigentlich widmet sich diese Folge wieder einmal der Figur der Dana Scully. Anhand der Beziehung zu Ed Jerse einerseits und zu Mulder andererseits schildert "Mutterkorn" auf sehr feinsinnige Weise den vergeblichen Versuch Scullys, ihrer Vereinsamung zu entrinnen. Die Partnerschaft mit Mulder, die in dieser Episode ihren Tiefpunkt erreicht, bildet dabei gewissermaßen den Rahmen für die Begegnung mit Ed:

Bereits zu Beginn der Folge ist Scully in sich gekehrt wie nie zuvor, was nur durch die Vorahnung ihrer Krankheit erklärbar ist. Aber gerade in der Anfangsszene in Mulders Büro wird auch deutlich, daß Scully durchaus tief empfindet, jedoch unfähig ist, ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Das zeigt zum einen ihre Flucht in eine Diskussion über belanglose Kompetenzfragen, zum anderen auch ihr unbeholfener Versuch, ihr Leben als einen endlosen Weg ohne Ziel zu beschreiben. Demgegenüber verhält sich Mulder egozentrischer als sonst üblich (seine Arbeit, sein Verdächtiger, seine Reise) und erkennt in diesem Moment wirklich nicht, welche Sinnfrage Scully tatsächlich quält. Am deutlichsten wird Scullys Sprachlosigkeit freilich, als sie, allein im Büro, die erfrorene Rosenblüte auf Mulders Schreibtisch legt. Ein für Akte X ungewohntes Stilmittel, aber durch diese stumme Geste wird sehr nachvollziehbar, in welcher Situation Scully zurückbleibt, und was sie zu nachfolgendem Handeln treibt.

Die "Ermittlungen" im Fall Ed Jerse sind eine interessante Abweichung von den üblichen X-Akten, denn sie zeigen eine völlig neue Seite an Scully. Zwar bleibt die Serie im Bezug auf Liebesszenen weiterhin jugendfrei, aber dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, wird auf raffinierte Art eine durchaus erotische Spannung geschaffen: Da ist zunächst der Akt des Tätowierens, während dessen Scully zwar nicht viel Haut zeigt, dafür aber ihr Gesicht einen an ihr nie gesehenen ekstatischen Ausdruck annimmt. Auch die Szene, als Ed Scully gewaltsam daran hindert, ihn zu untersuchen, und sie statt dessen küßt, wird natürlich umgangen, da man ja in dieser Serie eine tiefe Abneigung gegen Küsse hat. Aber zumindest wird "das Problem" nicht durch irgendwelche Insekten gelöst, sondern durch eine elegante Kameraführung, die Scully durch Eds Körper verdeckt. Und schließlich ist da noch die Nacht in Eds Wohnung, die völlig offen läßt, wie Ed und Scully sie verbracht haben. Diese Zweideutigkeit hat unter den Fans viele Spekulationen hervorgerufen,und so haben die Autoren durch ihre Zurückhaltung letztlich mehr Spannung in die Folge gebracht, als wenn sie sich zu einer Liebesszene hätten hinreißen lassen.

Darüber hinaus herrscht eine einheitlich düstere Stimmung über der Begegnung zwischen Ed und Scully. Fast alle Szenen sind im Dunkeln gehalten und lassen erahnen, daß Scullys Suche nach Nähe glücklos bleiben wird. Anscheinend war den Machern die Episode insgesamt aber zu trist, weshalb sie als Aufheller Mulder zeigen, wie er auf Graceland allerhand Unfug treibt. Vielleicht wurde diese Szene auch eingebaut, damit Mulder, der Scully ja eigentlich im Stich gelassen hat, noch ein paar Sympathiepunkte sammeln kann und in dieser Folge nicht ganz so schlecht dasteht. Wie auch immer, es funktioniert nicht. Der Abstecher ist überflüssig und stört die morbide Atmosphäre der Folge.

Schließlich kehrt Scully zurück, gescheitert bei dem Versuch, ihrem Leben eine neue Richtung zu geben, aber jetzt ist es interessanterweise Mulder, der unfähig ist, damit umzugehen: Er überspielt das Geschehene mit Witzen, lenkt auf einen neuen Fall ab und greift als letzten Rettungsanker sogar die Schreibtischfrage wieder auf. Dies führt zu einer der bemerkenswertesten Schlußszenen der ganzen Serie:

Mulder: "Und das alles nur, weil ich Ihnen keinen Schreibtisch besorgt habe?"
Scully: "Mulder, es dreht sich nicht immer alles nur um Sie.Ich habe auch ein Leben."
Mulder: "Aber ich wollte doch nur....."

Der geradezu verzweifelt erwartungsvolle Blick, mit dem Scully von der Rose aufsieht und Mulder zum Schweigen bringt, ist grandios! Während üblicherweise am Ende die Schlußfolgerungen aus einem Fall in einer Art Bericht zusammengefaßt werden, endet "Mutterkorn" in Mulders Ratlosigkeit und dem Bewußtsein, Scully dieses eine Mal wirklich tief verletzt zu haben.

Glen Morgan und James Wong haben es riskiert, mit dieser Episode viele Fans zu verärgern. Denn der eigentlichen Handlung wird durch die Beziehung zwischen Ed und Scully das Tempo genommen, und den zahlreichen Zuschauern, die Mulder und Scully gerne als Paar sehen würden, mißfällt es in der Regel, wenn sich einer von beiden anderweitig orientiert. Trotzdem kommt die Folge allgemein gut an, und ich kenne sogar eingefleischte Shipper, die "Mutterkorn" sehr gut finden. Das liegt zum einen daran, daß mit minimalen Mitteln, ohne Effekthascherei, dafür aber mit großartigen Schauspielern Emotionen dargestellt und auch beim Zuschauer geweckt werden. Der andere Punkt ist, daß sich Mulder und Scully, obwohl die Stimmung zwischen ihnen schlecht ist, am Ende doch sehr nahe kommen. Wenn auch unausgesprochen, so steht Scullys Sehnsucht in diesem Moment sehr spürbar im Raum, und auch Mulder ist sich dessen bewußt.

Das einzige Ärgernis an dieser Episode ist der deutsche Titel. "Mutterkorn" bezieht sich auf den halluzinogenen Stoff, der Eds Gewaltausbrüche verursacht, und das ist nun wirklich der nebensächlichste Aspekt der Folge. Viel besser wäre es gewesen, die Episode entsprechend der Originalfassung "Nie wieder" zu nennen und damit Scullys Wunsch nach Veränderung zu betonen. Oder aber man hätte, was mir persönlich noch besser gefallen würde, aus dieser Folge ein "Memento Mori I" machen können und die nächste Folge als zweiten Teil anschließen können. Denn mir scheint, daß sich Scully schon beim Anblick der erfrorenen Rose ihrer Sterblichkeit schmerzlich bewußt war.