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Würde mich jemand, der Akte X nie gesehen hat, fragen, was das Besondere an dieser Serie ist, würde ich ihm diese Folge zeigen. "Der See" ist eine allgemein sehr beliebte Episode,was die häufigen Wiederholungen zeigen, und für mich ist sie so etwas wie ein Klassiker, denn sie enthält fast alle Elemente, die eine hervorragende MOTW-Folge ausmachen:
Voraussetzung ist zunächst ein interessantes, dabei aber einfaches Thema. Oft beruht die
Handlung auf undurchsichtigen Mythen und wird durch schwer verständliche Gegenthesen noch zusätzlich kompliziert. Derartige komplexe Themen lassen keinen Raum mehr für die kleinen Nebensächlichkeiten, die die Serie aber gerade liebenswert machen, ganz abgesehen davon, daß die Hintergründe dem Zuschauer trotz aller Konzentration oftmals verborgen bleiben. Hier aber hat man sich mit Big Blue, der Seeschlange des Südens, die fast schon klassische Sage vom Seeungeheuer als Inhalt gewählt. Ein Plot, über den man sich nicht den Kopf zerbrechen muß, der aber trotzdem spannend ist.
Und der vor allem viele Möglichkeiten für Dialogwitz und Situationskomik bietet!
Schon allein die Kulisse, eine verschlafenen Kleinstadt mit allerhand skurilen Einwohnern, ist typisch für die Serie und ein Garant für feinsinnigen Humor. Wenn die weltgewandten Agenten auf die provinzielle Einfalt der Einheimischen treffen, kann man sich auch hier wieder einmal ein Schmunzeln nicht verkneifen. Und natürlich fehlt auch der obligatorische örtliche Sherrif nicht, der Bundesagenten im allgemeinen und Mulders verwegenen Theorien im besonderen mißmutig gegenübersteht.
Mulder und Scully nehmen ihre üblichen Rollen ein, und auch das ist ein kalkulierbares Vergnügen, weil man ganz genau vorhersagen kann, wie die beiden auf das Phänomen Big Blue reagieren, und man nicht enttäuscht wird! Scullys argwöhnisches "Mulder, was machen wir hier?" und Mulders kindliche Begeisterung über die Legende vom Seeungeheuer verfehlen ihre Wirkung nicht. Aus diesem Gegensatz ergeben sich immer die schönsten Wortwechsel zwischen Mulder und Scully, und in der Folge "Der See" haben die beiden erfreulich viel Zeit zu plaudern. Das nächtliche Gespräch, als Mulder und Scully auf der Insel (oder vielleicht doch auf dem Rücken von Big Blue?) stranden, gehört zu den unvergeßlichsten Dialogen der ganzen Serie. Wenn Scully Mulders Suche nach der Wahrheit mit dem Kampf gegen Moby Dick vergleicht, und Mulder erwidert, daß er immer gerne ein Holzbein gehabt hätte, weil dann das bloße Überleben schon eine Leistung wäre, ist gleichermaßen philosophisch wie komisch.
Einen nicht unwesentlichen Beitrag zum heiteren Charakter dieser Folge liefert natürlich
Scullys Hund Queegqueg, der bei den Fans der Serie sehr viel beliebter war als bei Mulder. Mal abgesehen von seinem tragischen Ende zeigt er vor allem, daß auch Scully ihre Exzesse hat. Man hätte von einer bodenständigen Wissenschaftlerin wie ihr erwartet, daß sie sich, wenn überhaupt, ein irgendwie nützliches Haustier hält. Aber auch eine Dana Scully trifft nicht immer rationale Entscheidungen, und die dümmste war sicher die, den Hund mit zu den Ermittlungen zu nehmen. (Allerdings möchte ich noch anmerken, daß Queegquegs Rasse nicht ganz so degeneriert ist, wie sein Äußeres und sein Name vermuten lassen. Es handelt sich um einen Pommerschen Hüttenhund, auch Schäferpudel genannt, eine Zwergform des Spitz. Angeblich ist diese Rasse sehr tauglich zum Hüten von Schafen. Für die FBI-Arbeit offensichtlich weniger....)
Zu guter Letzt wartet "Der See" noch mit einem originellen Schluß auf: Das Seeungeheuer
bleibt unentdeckt und am Leben, und somit wird die Episode am Ende ein Plädoyer für Sagen und Legenden, deren Weiterverbreitung wichtiger ist als ihre Verifizierung.
Für wen sich das alles zu sehr nach Comedy anhört, dem sei versichert, daß mehrere angefressene Leichen durchaus dafür sorgen, daß es sich um eine echte X-Akte handelt. "Der See" ist eine feine runde Sache und bietet fast alles, was die Serie populär gemacht hat. Das einzige, was der Episode an klassischen Elementen fehlt, ist ein Handy-Gespräch zwischen Scully und Mulder, aber über diesen kleinen Mangel kann man angesichts des fabelhaften Rests hinwegsehen.
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