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Akte X im TV:
11.04.: K1, Der Teufel von Jersey
25.04.: K1, Schatten
Reviews

Der Zirkus

Kritik von Rosalyn Hoppe
Der Stein der Weisen oder Der Wahnsinn hat drei Beine Die Story, Mulder und Scully versuchen ungeklärte Morde vor einer Wanderzirkus-Kulisse aufzudecken, könnte mit jeder Minute Stoff für drei weitere X Akten bieten. Würde man all die deformierten Menschen als paranormal bezeichnen wollen, hätte man die schöne Moral von der Geschicht' "das Äußere zählt doch nicht..." vermutlich nicht so ganz mitbekommen.

Aber mein Augenmerk richtet sich auf das komische Element dieser Geschichte. Es fängt klassisch mit Vollmond und dazugehörigem Rascheln im Walde an, unterdrücktes Atmen von einem Unbekannten, Kinder, die nichtsahnend im Pool schwimmen, Angriff! Anstatt des Monsters der Woche lernen wir den Vater der Kinder kennen, Jerald Glazebrook, auch bekannt unter dem Namen 'The Alligator Man', was auf seine schuppig aussehende Haut zurückzuführen ist. Aber es wäre ein unwürdiger Akte X Auftakt, wenn wir nicht auch noch den Schreck des Tages nicht zu Gesicht bekommen würden und ich meine nicht. Denn quiekig-keifend wird der Alligator Mann von irgendetwas anderem angeknabbert! Schocker! Aber nein, die erste Merkwürdigkeit, sogar für Mulder's Geschmack, stellt sich den Agenten in Form von Dr. Blockhead dar, dessen "Phönix aus der Asche"-Act nicht gerade für Begeisterung unter den Gästen des frisch verstorbenen Glazebrooks sorgt. Die Party ist daraufhin natürlich geplatzt, denn alle Beteiligten zerstreuen sich in Windeseile und lassen die Agenten in heilloser Verwirrung zurück.

Als nächstes treffen Mulder und Scully auf Hepcat Helm, den missverstandenen Künstler zahlloser Kuriositäten, kurz Trash. Mulders Theorie von der Fidschi Meerjungfrau, die teilweise aus einem Affen zusammengekleistert wurde, entreißt dem Erschaffer des "Tabernakels des Grauens" nur ein Schulterzucken, während der allgegenwärtige "Pity Barnum" aus dem Jenseits seinen Kommentar "niemand weiß, wo die Wahrheit endet und der Humbug beginnt" zu der Ermittlung des FBIs beisteuert. Als nächstes muss dann der Zweifler Hepcat Helm dran glauben, ein quiekendes Etwas hat sich an ihm verbissen. Á propos, Essen, der joggende Mulder trifft auf den Rätselmann, welcher genüsslich einen noch lebendigen Fisch hinunterschlingt und sich dann aus dem Staub macht. Dr. Blockhead übt einen Entfesslungsakt und der Rätselmann ist auch schon wieder da. Und nun kommt wirklich die coolste Szene, die man sich vorstellen kann (beinahe die coolste): Scully nimmt das Angebot, krabbelige Kakerlaken zu kosten, durchaus an und zeigt Mulder später ihren Wegsteck-Trick. Ihre Ermittlung läuft in eine Sackgasse bzw. in das Große Unbekannte in Gestalt einer leeren Kiste, also Sackgasse! (Katja Burckhard, sag's noch einmal, bitte!)

Und auch der Sheriff scheidet als Verdächtiger aus, nachdem die beiden seinen Warzenentferner ausbuddeln und sich mal wieder dem Vorurteil des Von Außen nach Innen Schließens stellen müssen. Aber das quiekende Etwas hat schon sein nächstes Opfer ausgespäht. Es ist Mr. Nutt, der Besitzer des Wohnwagenparks, von Gestalt nicht groß (hey, ich bin selber immerhin einen Meter Fünfzig... aber lassen wir das), was ihm aber gegen seinen noch kleineren Gegner, den wir nun endlich erblicken dürfen: die Fidschi Meerjungfrau hat endlich ein Gesicht und ein fieses dazu, wenn ich das mal bemerken dürfte. Scully wird daraufhin von Lenny geweckt, einer Schlaftablette nicht unähnlichen Gestalt, dessen voyeuristischer Blick in Scullys Ausschnitt von ihrer medizinischen Neugier in bezug auf seine Körperbeschaffenheiten zu einem weiteren Element grandiosester Komik führt. Ein Indiz am Tatort lässt die Agenten Dr. Blockhead festnehmen, der sich gerade bei einer Nagelkur entspannen wollte. Der aber ist unschuldig, im Sinne von "was man nicht versteht, fürchtet man".

Lenny, der mittlerweile in der Ausnüchterungszelle verweilt, gibt dann Aufschluss über den wahren Mörder, seinen Zwillingsbruder, der degeneriert an seiner Seite sein Dasein fristen muss, sich jedoch dauernd von seinem ausgewachsenen Bruder ablöst um einen neuen Bruder zu suchen und nun durchs Gefängnisgitter entflohen ist. Bei der Jagd auf Lenard geraten die Agenten in das Kuriositätenmuseum, das ein eingebautes Spiegelkabinett beinhaltet und so die Realität und das Scheinbare aufs Supergrandioseste verknüpft. Tja, Lenard entkommt, landet im Bauch des Rätselmanns und wenn er nicht vor Bauchweh gestorben ist, Lenny ist übrigens seiner Leberzirrhose erlegen, dann geekt er noch heute. Der wirklich beste Moment ist Dr. Blockheads Gesellschaftskritik, die sich an Mulder manifestiert: "Stellen Sie sich vor, so durchs Leben zu gehen." Geschniegelt, yuppiemäßig, mit schlimmer Frisur (ehrlich!), so steht Mulder an einen Wohnwagen locker-lässig gelehnt. (Ich muss sagen, z. T. kann ich Blockheads Antipathie nachvollziehen.) Die Ironie der ganzen Folge ist wundervoll, das Monster sucht nur nach einem neuen Bruder, die Dynamik der Geschichte ist rasanter als die Lone Gunmen "Regierungsverschwörung" sagen können und die beiden Agenten haben das Gefühl aus einem schrägen Traum aufzuwachen, in dem Darin Morgan ungehindert das Sagen hatte. Huh, ein grausiges Vergnügen!

Was hat Pity Barnum über Dummköpfe gesagt?

Zirkus Barnum, ein Sammelpunkt für die eigentlich Normalen dieser Welt? Was an Darin Morgans Humor so einzigartig ist, vermittelt folgende Szene, Scully ist auf der Suche nach der Lösung des Falles in das Kuriositätenmuseum geraten, von all den Merkwürdigkeiten, die ihr in jenem gruftähnlichen Gebäude begegnen, ist es ein Bild siamesischer Zwillinge, das Scullys Aufmerksamkeit erregt. Der Mann, der ihr dann die wahre Geschichte von Cheng und Chang [hießen die so, ich weiß es nicht mehr] erzählt, einer der Zwillinge verstarb und der andere ist aufgrund seiner Angst verstorben, setzt auf die Schockelemente und erreicht bei Scully ein leichtes Schaudern. Diese Geschichte zeigt dann auch Parallelen zu Lenard und Lenny. Aber das wirklich erschreckend-komische an dieser Szene sind die Kameraeinblendungen. Während der Mann also spricht, sieht man ihn zuerst als Spiegelung auf diversen Flächen, dann sieht man ihn von der Seite und später, als er seine wahre Geschichte beendet hat, zoomt die Kamera ganz auf ihn, er hat eine verdächtige Deformation in seinem Gesicht. Warum hatte ich bloß das Gefühl, er sei einer der Zwillinge aus der Geschichte? Was ist also wahr und wieso sind die Verrückten immer diejenigen, die pünktlich die Miete zahlen? Die Folge ist so voll von Schrägheit, das man nicht mehr weiß, wo Anfang und Ende ist, aber Darin Morgans Intention war wohl nicht Verwirrung zu stiften, sondern dem Chaos eine komödiantische Seite abzugewinnen. Ein Dummkopf ist derjenige, der nicht lacht, wenn er fällt, oder?

Die FBI-Agenten der Zukunft

Wie sieht die Zukunft aus, wie Mulder? Das wäre eine verdammt gute Tagline zum Akte X-Film "Fight the Future". Dr. Blockhead sucht einen ruhigen Ort, ein stilles Plätzchen der Normalität, man bedenke das und lache. Er fürchtet sich vor dem Etwas, das willkürlich Leute anfällt und deren Leber herausreißt. Hm, war der böse Zwilling Lennard die ewigen Alkoholgelage seines fürsorglichen Bruders satt? Gesellschaftskritik ist an sich eine gute Sache, wenn sie nicht zu übertrieben daherkommt (Rossini, bäh!). Minderheiten, (Un-) Normales, der nervige Hund, der nicht gefressen wird, alles hat seinen Platz, yeah! Darin Morgans weitere Hammerabenteuer mit Clyde Bruckman, José Chung und Bambi Berenbaum entbehren den Comedyfaktor plus Idealismus plus Glauben plus Hä-Frage plus sentimentalen Zynismus keineswegs, er treibt all dies sogar auf die Spitze ohne zu ersticken (Sauerstoffmangel, Witz!) oder uns! Die Agenten der Zukunft mögen weiterkämpfen, aber sie wären Dummköpfe, wenn sie nicht alles für möglich hielten!

Rosalyn Hoppe, September 2000